Geschichte des Square Dance

Der moderne Square Dance ist hauptsächlich aus zwei Wurzeln erwachsen: den englischen Country Dances und dem Appalachian Big Circle Dance.

Country Dance ist vorwiegend ein Figurentanz, bei dem zwei oder mehrere Paare verschiedene Figuren bilden (Kreise, Sterne, Wellen ... ) oder Wege tanzen, die oft sehr verschlungen sind. Dabei stimmen die Bewegungen mit der Musik zusammen. Über die Ursprünge dieser Tanzform wissen wir praktisch nichts. Der folgende Gedanke ist eine mögliche Spekulation: Wenn man die Kunstwerke der Wikinger betrachtet mit ihren kompliziert verschlungenen Ornamenten, mag man denken: Ein Volk, das solche Kunstwerke ausdenken und verstehen konnte, konnte auch Tanzformen ausdenken, die im Laufe der Zeit zum Country Dance wurden. Als im Jahre 1651 John Playford das erste noch heute bekannte Buch über Country Dancing herausbrachte, beschrieb er jedenfalls schon eine voll entwickelte Tanzart mit feststehenden Begriffen und einheitlichen, aber vielfach variierten Abläufen. In der ersten Ausgabe des Buches von Playford sind Tänze mit vielen verschiedenen Aufstellungen dargestellt. Bei den meisten Tänzen stehen die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Es gibt aber auch Aufstellungen, bei denen sich vier Paare überkreuz gegenüberstehen, also die Quadrillen- bzw. die Squareformation bilden.

Im Zeitalter des Rokoko wurden die englischen Country Dances auch in Frankreich bekannt und beliebt. Französische Tanzmeister reisten nach England, um diese Tanzform zu studieren, und verbreiteten sie über ganz Europa. Das Wort „Country Dance“ veränderte sich dabei in „Contre Danse“, also „Tänze im Gegenüber“.

In England wurden mehr und mehr „Longways“ getanzt - Gassentänze, bei denen die Männer in einer langen Linie den Frauen gegenüberstehen. Dabei tauschen die Paare regelmäßig die Plätze, so daß jedes Paar einmal „oben“ am Ehrenplatz steht. In Frankreich dagegen tanzte die gute Gesellschaft lieber in der Quadrillen-Aufstellung, bei der jedes Paar seinen Platz behält und der Herr seine Dame an seiner Seite hat.

In den amerikanischen Kolonien wurde kaum anders getanzt als im Mutterland. Als die Kolonien aber ihren Unabhängigkeitskrieg gegen England führten und dabei von Frankreich Hilfe erhielten, wurde es guter Ton, den französischen Tanzstil dem englischen vorzuziehen.

Appalachian Big Circle Dance geht ebenfalls auf englische Ursprünge zurück. Er war aber ein reiner Volkstanz und wurde erstmals 1917 von Cecil J. Sharp in einem Buch beschrieben. Hier tanzen im Rahmen eines großen Kreises immer zwei Paare zusammen. Die getanzten Figuren sind nicht so sehr geometrische Abläufe, sondern kleine Pantomimen: „Birdie in the Cage and three Hands around“ (ein Mädchen tritt in die Mitte, die anderen drei tanzen im Kreis um sie herum); „Around that Couple and take a Peek“ (das Aktiv-Paar versucht, hinter dem Rücken der Anderen sich Blicke zuzuwerfen, die Anderen hindern sie durch Armeschwenken); „Chase a Rabbit, chase a Squirrel, chase a pretty Girl around the World“ (der Mann verfolgt das Mädchen um das Passiv-Paar herum); um nur einige zu nennen. Jede Figur endet mit Swing mit dem anderen Mädchen und Swing mit dem Partner. Danach gehen die Paare einen Platz weiter und tanzen mit einem anderen Paar zusammen. Die Figuren sind nicht auf die Melodie der Musik abgestimmt, sondern werden je nach Lust und Laune mit mehr oder weniger Schritten getanzt.

Das Tempo ist wesentlich schneller als bei Contredanse und Quadrille. (C. J. Sharp beschreibt das Tempo als „halsbrecherisch“.) Der Swing, die rasche paarweise Drehung am Platz, ist vom Appalachian Dancing auch in Quadrille und New England Contra Dancing übernommen worden. Als in Europa Walzer und Polka die Quadrillen und Contretänze aus den Ballsälen verdrängten, konnten sich diese Tanzformen in Amerika dank des Swings behaupten.

In den Vereinigten Staaten wurde mehr gereist als in Europa. Man konnte bei jedem Ball Gäste erwarten, die nicht bei dem ortsansässigen Tanzmeister Unterricht hatten und dessen Reihenfolge der Figuren nicht kannten. Der „Ballroom Prompter“, der den Tänzern die Prompts (Stichworte) für die nächstfolgende Figur zurief, wurde darum zu einer unverzichtbaren Institution, genau so notwendig wie das Orchester. Und wie der Swing aus dem Süden den Tanzstil der Nordstaaten beinflußte, so wurde umgekehrt der Prompter oder Caller in den Big Circle Dance und dessen Abkömmlinge übernommen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts drangen Jäger und Siedler über die Appalachen in das Tal des Ohio und gründeten Kentucky. Sie nahmen ihre Tänze mit, konnten sie aber wegen der feindlichen Indianer nicht mehr im großen Kreis im Freien tanzen, sondern waren auf das Innere ihrer Blockhütten angewiesen. Darum tanzte man auch hier mit vier Paaren in der Square-Aufstellung. Und weil nicht jeder sich den Ablauf des Tanzes merken konnte, begann das Paar, das dem Musikanten am nächsten stand, den Tanz mit dem rechtsstehenden Paar, tanzte dann denselben Ablauf mit dem gegenüberstehenden Paar, und schließlich denselben Ablauf mit dem linksstehenden Paar. Danach tanzte das rechtsstehende Paar wiederum denselben Ablauf der Reihe nach herum, und die anderen beiden Paare desgleichen.

Dieses Schema wird als „Single Visiting Couple Square“ bezeichnet. Von dieser Tanzform kommt es, daß im Square Dance die Paare im Kreis herum numeriert werden, während bei der Quadrille die Kopfpaare Paar 1 und 2 sind, die Seitpaare 3 und 4. Diese Form hat den Vorteil, daß ein ungeübtes Paar sich einfach auf Platz 4 stellen konnte: bis die Reihe an sie kam, hatten sie den Ablauf des Tanzes abgeschaut.

Diese Tanzform drang mit den Cowboys und Farmern über den Missisippi bis Texas und in die Rocky Mountains, während Contras und Quadrillen in den Neu-England-Staaten und an den großen Seen getanzt wurden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts änderte sich in Europa und Amerika der Lebensstil derart, daß die Gemeinschaftstänze fast völlig in Vergessenheit gerieten und nur in entlegenen Gebieten noch getanzt wurden, bis einzelne Persönlichkeiten sich daran machten, diese Tänze zu sammeln und neu zu beleben.

In Amerika unternahm den ersten Anlauf zur Wiederbelebung von „Old-Fashioned Dancing“ der Autokönig Henry Ford. Er holte 1923 Benjamin B. Lovett, einen Tanzmeister aus New Hampshire, zu sich nach Michigan, stellte in den Fordwerken einen Tanzsaal zur Verfügung, organisierte ein Orchester, ließ ein Büchlein mit Tanzbeschreibungen drucken (1926) und unterstützte Schallplattenaufnahmen und Radiosendungen. Die hier bekanntgemachten Tänze waren die Quadrillen und Contratänze des vorigen Jahrhunderts.

Lloyd Shaw, ein junger Schulrektor in Colorado Springs, tanzte Anfang der 30er Jahre mit seinen Schülern europäische Volkstänze und die von Henry Ford bekannt gemachten Quadrillen. Nach und nach wurde er gewahr, daß es noch andere Arten Square Dance gab, eine Tradition, die gerade in seiner Heimat lebendig geblieben war. Er begann, sie zu sammeln. 1939 veröffentlichte er ein Buch „Cowboy Dances“ und begann, regelmäßig Seminare für Caller zu halten. Die Zeit war reif, die Tänze wurden von der Öffentlichkeit mit Begeisterung aufgenommen. Der Weltkrieg bremste die Entwicklung für einige Zeit, aber in den fünfziger Jahren wurde Square Dance zu einer Massenbewegung.

Western Style Square Dancing nannte Lloyd Shaw die von ihm verbreitete Tanzart, und bald entwickelte sie sich zu einer eigenständigen Form. Entsprechend der Herkunft aus zwei verschiedenen musikalischen Traditionen entstand der Brauch, je zwei verschiedenartige Stücke zu einem „Tip“ zusammenzubinden. Der „Patter Call“ (Patter = Gequassel) stammt aus der Tradition des Appalachian Dancing, mit einer eher eintönigen Musik, zu der der Caller seine Anweisungen in einer Art Sprechgesang ausruft. Die Tanzformen werden aber nicht mehr wie früher zwölfmal wiederholt, sondern wechseln ständig. Dabei braucht der Caller keine Rücksicht auf die Phrasierung der Musik zu nehmen. Der meist unmittelbar darauf folgende „Singing Call“ ist mehr der Quadrille verpflichtet. Die Figurenfolge ist auf die Musik abgestimmt und wird viermal wiederholt. Neu dabei ist, daß jedesmal der Partner gewechselt wird.

Der neue Tanzstil wurde durch drei technische Entwicklungen ermöglicht: Lautsprecher, Schallplatte und Mikrofon. Durch den Lautsprecher wurde es möglich, beliebig große Teilnehmerzahlen tanzen zu lassen. Durch die Schallplatte wurde es möglich, beliebig oft auch in kleinen Gruppen zu tanzen. Durch das Mikrofon kann der Caller nun auch ungewohnte, überraschende Anweisungen geben und trotzdem erwarten, verstanden zu werden.

Außerdem gibt es seit 1946 Square Dance Zeitschriften, die monatlich neue Calls verbreiten. Zunächst wurden die alten Tanzformen in ihre Elemente (Basics) zerlegt und diese Basics in immer neuen Zusammenstellungen getanzt. Bald begannen verschiedene Caller aber auch, neue Basics zu erfinden und sich dadurch vor anderen hervorzutun. In den 60er Jahren wurde schließlich geklagt, daß ein Square Dancer gezwungen sei, in seinem Club regelmäßig teilzunehmen. Wer drei Wochen lang gefehlt habe, der begegne so vielen neuen Basics, daß er sich nicht mehr auskenne.

1972 kam eine Gruppe hervorragender Caller zusammen und gründete eine Vereinigung namens CALLERLAB mit dem Ziel, die Flut der Basics in geordnete Bahnen zu lenken. 1975 wurde eine Liste mit etwa 120 Basics * vereinbart, welche als „Mainstream“ (Hauptstrom) angesehen wird. Wer diese Basics gelernt hat (wozu er etwa ein Jahr lang an einem Kurs teilnehmen muß), sollte überall an einer Square Dance Veranstaltung teilnehmen können, sofern nicht ausdrücklich eine weitere Liste vorausgesetzt wird.

Zur Zeit sind zwei einander entgegengesetzte Trends zu beobachten: Manche wollen mit immer neuen Basics, die meist von jedem Teilnehmer exaktes Erkennen der Anfangs- und Endposition erfordern, Square Dance zu einer Art spannendem Denksport mit Musikbegleitung machen. Andere wollen durch bewußte Beschränkung auf gewohnte Abläufe die Geselligkeit im Square Dance betonen.

Ob ein Trend die Oberhand gewinnen wird, muß die Zukunft zeigen. Es hängt von den Callern ab. Die Caller wiederum richten sich nach dem Applaus, und der wichtigste Applaus ist es, wenn die Teilnehmer zum nächsten Abend wiederkommen.

(Verfaßt 1987) Heiner Fischle

* Die 120 Basics des Mainstream Programs sind besser bekannt als 70 Basicfamilien. Wenn man aber alle Mitglieder der Familien zusammenzählt, dann sind es eben doch etwa 120.


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Veröffentlicht 2002-12-12   /   Heiner Fischle, Hannover